Hohe oder tiefe Stimme? — Kritische Anmerkungen über das Bestimmen des Stimmfaches

Hohe oder tiefe Stimme? — Kritische Anmerkungen über das Bestimmen des Stimmfaches

von David L. Jones

Ich kann die Anfragen, die ich durch meine Website zum Thema Stimmfach bekomme gar nicht mehr zählen. Aber wie kann man feststellen, ob jemand ein Mezzo oder ein Sopran ist, ein Bariton oder ein Tenor? In Bezug auf die Bedeutung dieses Themas herrschen kontroverse Ansichten. Unglücklicherweise verbringe ich meine Zeit häufig damit, Stimmschäden zu reparieren, die das Ergebnis einer falschen Kategorisierung des Sängers sind.

Ich selbst wurde als Tenor ausgebildet, während ich in Wirklichkeit ein lyrischer Bariton bin. Nachdem ich meinen Fachwechsel zum Bariton vollzogen hatte, dauerte es fast vier Jahre bis sich meine Kehlmuskulatur komplett erholt hatte. Als Oberschüler sang ich intuitiv mit »schmalzigen« Aufnahmen mit. Meine Stimme mochte die Tonarten der lyrischen Baritone. Trotzdem wollte jeder Chorleiter, dass ich Tenor singe, nur weil ich es schaffte, ein hohes g zu singen. Das ist ein tragischer Fehler, den viele Chorleiter machen, die die Stimme nicht gut genug kennen, um junge Sänger vor dieser möglicherweise schädlichen Erfahrung zu bewahren.

Wenn ein Sänger zu mir kommt und versucht, den Wechsel in ein höheres Stimmfach zu vollziehen, sage ich nur zwei Worte: »Sei vorsichtig!!«.Ich habe so viele zerstörte Stimmen von Sängern gehört, die versuchten ein Tenor oder ein Sopran zu sein, während sie in Wirklichkeit ein tiefere Stimme hatten. Für die Stimme eines Sängers kann es ebenso gefährlich sein, in einem tieferen Stimmfach zu singen, obwohl man eine höhere Stimme hat. Sänger, die in einer höheren Lage singen, obwohl sie eine tiefere Stimme haben, leiden üblicherweise unter einer hohen Kehlkopfposition. Sänger mit höher Stimme, die in einem tieferen Stimmfach singen, machen das üblicherweise mit einem immensen Druck auf Zunge und Kehlkopf. Beides wirkt sich äußerst schädigend auf die Stimmgesundheit aus.

In diesem Artikel hoffe ich Gesangslehrern und Sängern einige Hilfsmittel zum Bestimmen des richtigen Stimmfaches an die Hand zu geben. Es gibt einige Grauzonen, die oft für Verwirrung sorgen. Manchmal klingt ein lyrischer Mezzosopran wie ein Sopran. Insbesondere dann, wenn der hintere Teil der Kehle nicht geöffnet ist und der Kehlkopf etwas nach oben geht. Das gleiche gilt für lyrische Baritone. Sie können einer höheren Stimme gefährlich ähnlich sein insbesondere dann, wenn die Stimme gequetscht ist und der primäre Resonator (Rachenhöhle) verschlossen ist. Oft haben lyrische Baritone kein besonders ausgeprägtes Brustregister. Es kann in der Tat sein, dass ein Tenor ein tieferes und ausgeprägteres Brustregister hat als ein lyrischer Bariton.

Die wichtigen Faktoren dabei sind: 1. Stimmfarbe (Timbre) und 2. die Tessitura (Umfang in dem der Sänger bequem singen kann). Wenn ein lyrischer Mezzo oder Bariton den hinteren Teil der Kehle öffnet, wird das Ergebnis kein Sopran bzw. Tenorklang sein. Denke daran: mittlere Stimmen wie lyrische Mezzosoprane oder Baritone haben ein spezielles Timbre. Zwei großartige Beispiele für mittlere Stimmen, die große Karrieren gemacht haben, sind Frederika von Stade und Thomas Hampson. Keiner von beiden hat eine hohe Stimme.

Gesangslehrer müssen in der Lage sein, sehr genau über die Stimmqualität zu entscheiden. Ein lyrischer Bariton mag wie ein Tenor klingen, aber klingt die Stimme wirklich wie eine echte Tenorstimme und hat sie eine echte Tenorfarbe? Muss der Sänger die Mundöffnung in die Breite ziehen, um einen hellen Tenorklang zu erzeugen? (Das ist ein Anzeichen einer wirklich verschlossenen Kehle!) Ein lyrischer Mezzosopran klingt im oberen Register möglicherweise leicht. Ist der Kehlkopf jedoch auf richtig abgesenkt, bekommt die Stimme das, was ich als »rauchig dunkel« bezeichne und nur ein Mezzo hat. Möglicherweise ist der Lehrer sich nicht sicher, ob die Sängerin wirklich ein Mezzo ist. Häufig klingen lyrische Mezzosoprane wie Soprane, wenn sie ohne Stütze (Atemwiderstand) im oberen Register singen.

1 Wirksame Hilfsmittel

Ich unterrichte diese Technik seit gut über zwanzig Jahren. Während dieser Zeit habe ich sprichwörtlich Hunderte von Sängern aus der ganzen Welt unterrichtet. Während dessen habe ich einige Hilfsmittel entwickelt, die Gesangslehrern und Sängern helfen können, das Stimmfach zu bestimmen.

1.1 Mezzo oder Sopran?

  1. Das Ng-Arpeggio zum Unterscheiden von Mezzo und Sopran: Lasse die Sängerin ein aufsteigendes Arpeggio auf Ng mit geweiteter Zungenwurzel singen. Springt die Stimme beim hohen Es hörbar in das Falsett um, ist das ein Anzeichen für eine tiefere Stimme wie zum Beispiel einen Mezzosopran. Liegt der Bruch höher wie zum Beispiel bei F oder Fis, ist die Sängerin möglicherweise eine Sopranistin. Je dicker die Stimmbänder, desto früher wird die Stimme ins Falsett umspringen. Es stimmt, dass dramatische Soprane manchmal genauso früh wie Mezzi in das Falsett wechseln. Dann musst Du auf die Stimmfarbe hören und die Leichtigkeit in einer bestimmten Tessitura beobachten. Eine Sopranistin wird mehr Kopfresonanz benutzen und die Stimme wird weiter unten in der Skala heller klingen als die eines Mezzosoprans. Ich habe festgestellt, dass die meisten dramatischen Soprane irgendwann einmal auch als Mezzo gesungen haben.
  2.  Klangfarbe: Lasse die Sängerin mit der Zunge zwischen den Lippen eine Fünfton-Skala abwärts summen. Während dessen lasse sie den hinteren Teil der Kehle unabhängig von der Zungenwurzel weiten (dehnen). Stelle Dir vor, dass der Ursprung des Vokals im Raum hinter der Zunge liegt. Lasse sie dann die Fünfton-Skala abwärts auf den fünf Vokalen singen, während sie den geöffneten Vokalraum im hinteren Teil der Kehle erhält (dabei muss die Zunge vorne im Mundraum bleiben). Als Ergebnis wird die wirkliche Klangfarbe hörbar werden. Ein Mezzo wird eine dunkle und »rauchige« Klangfarbe haben. Eine Sopranistin wird auch im unteren Bereich der Skala viel mehr hohe Obertöne behalten. Der Unterschied ist offensichtlich.

1.2 Tenor oder Bariton

  1. Lasse den Sänger in extrem tiefer Lage eine Dreiton-Skala singen. Lasse ihn daraufhin auf einem u-Klang mit voller Stimme zwei Oktaven nach oben Glissandieren wie eine Sirene. Stelle sicher, dass der Sänger genug i im Klang behalt während er zu einem u abrundet. Lass ihn so hoch wie möglich mit voller Stimme singen. Der u-Klang wird die Stimme schützen und die Zunge davor bewahren, sich nach hinten zu ziehen. Ist der Sänger ein Bariton wird er das nur bis zum hohen a möglicherweise bis b mit voller Stimme schaffen. Jedoch wird die Stimme nicht in den Mechanismus wechseln, der es ermöglicht ein hohes h oder c zu singen, da dieser bei einem Bariton nicht existiert. Das macht es diesem Sänger unmöglich, als Tenor zu singen. Schafft er es auch ein hohes h oder c oder noch höher zu singen, handelt es sich normalerweise wirklich um einen Tenor.
  2. Das ist die gleiche Übung wie Punkt 2 im Absatz über Sopran und Mezzo. Summe eine Fünfton-Skala abwärts während Du den hinteren Teil der Kehle weitest (die Übung muss in einem tieferen Register gesungen werden). Dann singe die fünf Vokale auf einer Fünfton-Skala abwärts. Ist der Sänger ein Bariton wird die Stimmfarbe eine dunklere Farbe annehmen. Das nennen einige Brustresonanz. Bei einem Tenor wird die Stimme viel ihrer hohen Resonanz oder Kopfstimmqualität behalten. Das ist nicht so »idiotensicher« wie bei den Frauenstimmen. Einige Tenore können in ihrer mittleren und unteren Lage sehr viel Brustresonanz haben. Jedoch, singt ein Tenor mit diesem brustigeren Klang, wird das hohe Register darunter leiden.

2 Wichtige Anmerkung

Einige Sänger, die sich entschieden haben im Bariton- oder Mezzo-Fach zu singen, leiden unter fehlendem Klingeln in der Stimme (hohe Obertöne, Sängerformant). Ich kenne eine professionelle Sängerin in New York die als »Mezzo-Contralto« singt (diese Bezeichnung wird in Europa häufiger benutzt). Ihre Stimme ermüdet schnell, da sie mit wenig oder keiner richtigen Resonanz singt. Die Stimme hat einen heruntergedrückten oder »Heruntergedrückter-Kehlkopf-Klang«. Diese Gesangstechnik ist ungesund. Diese Sängerin drückt den Kehlkopf mit der Zungenwurzel herunter. Das ist wirklich sehr ungesund. Die Stimme ist häufig heiser. Diese Sängerin hat keine Ausdauer. Ihre Stimme klingt verhaucht. Dieses ist ein Fall von Festhalten an »eine tiefe Stimme sein« auf Kosten der Stimmgesundheit. Ich glaube auch, dass diese Sängerin falsch unterrichtet wurde.

Im richtigen Stimmfach zu singen ist extrem wichtig für die Stimmhygiene. Meine Empfehlung an die meisten Sänger ist: »Wenn es sich falsch anfühlt, dann ist es falsch!!«. Stimmermüdung sollte ein Warnsignal für jeden Sänger sein, egal ob für Profis oder Amateure. Die Gesundheit der Stimme hängt davon ab, dass man sie auf die richtige Art und Weise ausbildet.
Fragen richten Sie bitte an Christian Halseband, email hidden; JavaScript is required (auf deutsch oder englisch) oder an David L. Jones, email hidden; JavaScript is required (auf englisch).

Alle Rechte am Text vorbehalten David L. Jones © 2000 http://www.voiceteacher.com/

Autorisierte Ubersetzung von Christian Halseband © 2003 https://www.gesanglehrer.de/