Einige Hinweise für den professionellen Barocksänger

Einige Hinweise für den professionellen Barocksänger

von David L. Jones

Betrachtet man die klassische Gesangsszene, fällt auf, dass es einen ständigen Wettbewerb zwischen Vokalensembles und Solisten im Bereich des Oratoriums und der alten Musik darum gibt, wer mit dem richtigen Barockstil singt; ja, ich meine den einen authentischen. Es ist interessant zu beobachten, was einige für die richtige Aufführungspraxis halten. Hört man sich Videos und andere Aufnahmen an, fragt man sich manches Mal, ob diese Leute wirklich ihr Gehör benutzen, um zu entscheiden, welcher Klang gesund ist und welcher nicht. Suchen sie nach einem ästhetischen oder schönen Klang oder sind sie zu sehr damit beschäftigt, wirklich authentisch zu sein. Wie wichtig ist ihnen überhaupt das gesunde Singen? Wie steht es um das Singen mit schönen bewegenden Klängen bis dahin, dass die Zuhörer vor Freude oder Rührung zu weinen beginnen? Darf man auch nur einen Moment lang davon ausgehen, dass die Komponisten es guthießen, wenn man ihr Publikum einer solchen Erfahrung beraubte im Namen der Authentizität? Die Antwort auf diese Frage lautet: »Nein!«

Es gibt so viele Beispiele exzellenten Gesangs in Verbindung mit dem Barockstil. Die amerikanische Sopranistin Arleen Auger ist ein wunderbares Beispiel für eine Sängerin, die Barockmusik hervorragend interpretiert und dabei die Schönheit und musikalische Leidenschaft zum Ausdruck bringt. Ich habe einige ihrer wunderbaren Meisterkurse gesehen, bei denen sie jungen Sängern geholfen hat, sowohl technisch als auch musikalisch das Beste herauszuholen. So kann man leicht erkennen, dass sie die Fähigkeit besitzt, Stil und gesundes Singen miteinander in Einklang zu bringen. Einige ihrer Aufnahmen zeigen Barockarien in ihrer wahren Schönheit durch eine exzellente Gesangstechnik. Sie war eine besondere Sängerin, die in der Lage war die barocke Aufführungspraxis mit einem schönen Klang zu verbinden und damit, ihr Publikum anzurühren und zu bewegen. Diese Erfahrungen kann man nicht verleugnen. War man einmal ein direkter Zeuge dessen, kann man es nie mehr vergessen. Ihr früher Tod vor ein paar Jahren, ist ein großer Verlust für den klassischen Gesang.

Gesangslehrer/ Barock-Künstler

Zunächst erlaube mir festzustellen, dass die Musik der Barockära zu den Musiken gehört, die mich am meisten anrühren. Dieser Musikstil bedarf einer exzellenten Gesangstechnik, um die Musik angemessen und klar vortragen zu können. Einer meiner Gesangslehrer an der Universität war ein höher leichter Tenor, der häufig Oratorien sang. Häufig war er auch Solist für den Robert-Shaw-Chorale. Aus gesangstechnischer Sicht wäre es eine starke Untertreibung zu sagen, dass meine frühe Ausbildung schlecht war. Das liegt hauptsächlich daran, dass ich als Tenor ausgebildet wurde, obwohl ich ein lyrischer Bariton war und noch heute bin (vgl. den Artikel über Stimmfächer). Dieser Lehrer machte den verbreiteten Fehler, das Singen mit hochgestelltem Kehlkopf als leichtes und gesundes Singen wahrzunehmen. Im Laufe der Zeit ruinierte das meine Stimme. Trotzdem konnte mir diese schlechte Ausbildung nicht meine Liebe für die Barockmusik nehmen. Von diesem Lehrer lernte ich die barocke Verzierungspraxis und den Stil zu verstehen. Das ist etwas, das man bei heutigen Sängern selten findet, es sei den sie sind auf Barockmusik spezialisiert.

Barock-Ensemble Nummer eins

Weihnachten 2002, ich sah mir zwei Übertragungen zweier Barockensembles auf dem New York Arts Channel an. Unglücklicherweise war das erste Ensemble in die Barock-Spezialisierungs-Falle getreten, ständig die mangelnde Technik durch eine übertriebene Phrasierung kompensierend. Beim Hören einer so übertriebenen Phrasierung konnte man leicht ein wenig seekrank werden. Die Übertreibung war so stark, dass es fast jeden Zuhörer zum Lachen brachte, oder zumindest zu einem breiten Lächeln animierte. Diese Art des Singens macht mich traurig. Ich nehme an, viele glauben, diese Art der Übertreibung bringe ihnen mehr Aufmerksamkeit bei dem Versuch als »Barockspezialist« zu gelten.

Neben der übertriebenen Phrasierung war der ständige Missbrauch der Stimmen, den ich während dieser Aufführung hören musste, das Schlimmste für mich als Sänger und Gesangspädagogen. Das beinhaltete: breit gesungene Passaggios (d. h. Übergangslagen; mit breiter Mund öffnung und nach vorne geschobenen Unterkiefern), singen mit hochstehendem Kehlkopf, wobei die Kehle immer mehr gequetscht wurde, um den geraden Ton zuerzeugen, das Singen im Belting-Stil (»voce aperto«). Dieser »Mundgesang« verlangt einen enormen Atemdruck anstatt der Nasenresonanz, die die Kehle schützt. Dieses Konzert war, als wohne man der Zerstörung der Stimmen von mindestens dreißig Sängern bei. Die traurige Wahrheit ist, dass sie in einer extremen Live-Akustik auftreten mussten, um überhaupt irgendeine Art von Klangqualität erzeugen zu können. Dieses ziemlich bekannte Ensemble hätte mit einer gesunden Gesangstechnik, ausgeglichenen Registern, Atemkontrolle und gerundeten Passaggios viel mehr Musik machen können. Es hätte sie nicht einmal ihre barocke Aufführungspraxis gekostet. Tatsächlich hätte es die Kontrolle über ihre Stimmen vergrößert, und die Sänger hätten während des Singens nicht so gequält ausgesehen. Ein weiterer Vorteil wäre eine größere Langlebigkeit der Stimmen gewesen: es hätte die Gesangskarriere um etwa 15 bis 20 Jahre verlängert.

Zusätzlich zur Stimmgesundheit darf man nicht übersehen, dass der Stil auch sehr wichtig ist. Es ist unpassend, Barockmusik mit dem Klang von Puccini zu singen. Es gibt aber eine Balance, die für die Stimmgesundheit notwendig ist.

Barockensemble Nummer zwei

Im Kontrast dazu, später an diesem Weihnachtstag, hatte ich das Glück, ein anderes Barock-Chor-Konzert zu hören und zu sehen, das aus England übertragen wurde. Es war offensichtlich ein gut ausgebildeter Kirchenchor, in dem einige Knaben die Frauen in den Sopran und Altstimmen unterstützten. Das erste, was ich feststellte war, dass der Chor mit einem gut gemischten und warmen Klang sang, der durch eine runde Mundöffnung und entspannte Unterkiefer (leicht nach unten-hinten hängend) produziert wurde. Der Barockstil war jedoch nicht der exquisiten Klangmischung dieses Chores geopfert worden. Wenn die Sänger mit geradem Ton sangen, taten sie das mit Hilfe des gesunden Atemstroms und der Nasenresonanz und nicht durch das quetschen der Stimmritze. Ein »Bravo!« für diesen Dirigenten, der nicht in die Barockstil-Falle getappt war: ein falsches Gefühl für Authentizität, das auch dazu missbraucht werden kann, schlechtes Singen zu rechtfertigen. Die Wahrheit ist, dass niemand wirklich genau weiß, wie Barocksänger gesungen haben. Eines ist sicher, diese britischen Sänger werden ihre Stimmen noch Jahre gesunderhalten können, und die Musik wird gut präsentiert werden mit schönem Klang, der nicht einem falschen Konzept von Barock-Klang geopfert wurde. Barockmusik mit schönem Klang zu singen, macht sie zu einem viel größeren Genuss für das Publikum in einer Gesellschaft, in der die meisten Aufnahmen nachbearbeitet werden.

Unfunktionales Verhalten des Kehlkopfes: Der hochstehende Kehlkopf

Während meines Unterrichts bei dem oben erwähnten Lehrer habe ich eine Gesangstechnik entwickelt, die ich auch bei dem Barockensemble Nummer eins gesehen habe: das Singen mit hochgestelltem Kehlkopf, das die Lebensdauer der Stimme mindestens um 15 bis 20 Jahre verkürzt. Ich persönlich litt unter Intonationsproblemen, Atemproblemen und Schwierigkeiten beim Registerausgleich als Folge dieser schrecklichen Gesangstechnik. Ich war erst 22 Jahre alt, als meine Stimmbänder nicht mehr in der Lage waren die richtige Tonhöhe zu halten. Ich weiß von einigen berühmten Barocksängern, die ihre Karrieren mit 35 bis 40 Jahren beenden mussten wegen des Singens mit hochgestelltem Kehlkopf, einer Gesangstechnik, die erheblichen Druck an den Stimmbändern erzeugt. Das ist keine gesunde oder akzeptable Singweise. Vielmehr handelt es sich um einen Missbrauch der Stimme, um es klar und einfach zu sagen.

Es ist wichtig anzumerken, dass das Singen mit hochstehendem Kehlkopf nur in einer guten Live-Akustik funktioniert, andernfalls wird das Publikum einen Klang wahrnehmen, der ziemlich rauh, ungeschminkt und häufig zu tief ist. Trotzdem tolerieren viele Zuhörer diesen Klang wegen seiner »Authentizität«. In Wahrheit kann jeder Sänger mit exzellenter Gesangstechnik jeden Musikstil ohne stimmliche Ermüdung oder Missbrauchserscheinungen singen. Dabei auch noch stilgerecht.

Barock-Sopranistin Nummer eins

Um 1984 begann eine Barock-Sopranistin in New York eine vielversprechende Gesangskarriere. Sie war so populär, dass es eine Herausforderung sein konnte, ein Oratorium, eine frühe Oper oder ein Alte-Musik-Konzert zu hören, bei dem sie nicht die erste Solistin war oder die Hauptrolle sang. Die Musikalität dieser Sängerin war enorm: ein Mittel, das viele Sänger nutzen, denen eine solide Gesangstechnik fehlt, um ihren Kampf mit stimmlichen Schwierigkeiten zu verschleiern. Leider sang sie aufgrund des hochstehenden Kehlkopfs bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Karriere zu tief. Sie suchte nach jedem Ausweg, um ihre schlechte Technik zu verschleiern. Das schloss auch immer tiefer ausgeschnittene Kleider ein, die ihre Zuhörer ablenken sollten. Ich erinnere mich, sie gehört zu haben, wie sie die gesamte erste Hälfte eines Konzertes etwa einen Viertelton zu tief sang. Es war schockierend festzustellen, wie tief die musikalischen Standards gesunken waren, weil politischer Druck Talent außer Kraft gesetzt hatte.

Das Schicksal dieser Sopranistin ist typisch für die meisten Sänger, die mit hochgestelltem Kehlkopf singen. Sie hörte auf zu singen und musste ihre Karriere beenden, weil sie es nicht länger schaffte, die Stimme durch den Atemdruck auf die richtige Tonhöhe zu bekommen. Wenn man sie singen hörte, war leicht zu hören, wie der Atemdruck unter den Kehlkopf drückte bei dem vergeblichen Versuch das obere Passaggio auf der richtigen Tonhöhe zu halten. Sie versuchte es auch mit der Lächel-Technik, was die Kehle noch mehr verengte. Diese Techniken funktionierten nicht! Unglücklicherweise tat diese Sopranistin das, was viele ehemalige Sänger tun, wenn sie ihre Stimme verlieren: sie ging an die Universität, um dort andere zu lehren, wie man seine Stimme verliert. Das ist krank! Das kann man nennen: das Weitergeben des stimmlichen Missbrauchs über Generationen hinweg anstatt diese Kette zu zerbrechen und all das nur, weil es an Bewusstsein für die Ausbildung von Sängern mangelt, ein Problem, das inzwischen mehr und mehr chronisch geworden ist insbesondere bei jungen Sängern, die eine gesunde Gesangspädagogik nicht intensiv und leidenschaftlich genug studiert haben.

Die Gefahren des Knabenchor-Klangs für eine erwachsene Stimme: Barock-Sopranistin Nummer zwei

Wie bereits zuvor erwähnt sind viele Barock-Sänger von ihrer musikalischen Ausbildung abhängig, um eine Aufführung durchzustehen. Es ist war, diese Ausbildung ist definitiv die Grundlage, die diese Musik für die moderne Welt so interessant macht. Letzten Juni wurde ich von einer Barock-Sopranistin konsultiert, die zum wiederholten Male unter Stimmbandknoten litt. Sie war drauf und dran das Singen im Alter von 32 Jahren aufzugeben. Das ist wieder die alte Geschichte: singen mit hochgestelltem Kehlkopf bis die Kehlmuskulatur schließlich nicht mehr in der Lage ist, die Tonhöhe zu halten. Diese junge Dame war und ist eine unglaubliche Musikerin und hat ziemlich viel konzertiert und das, obwohl sie manches Mal Kortison benötigte, um die Schwellungen der Stimmbänder zu behandeln.

Natürlich wurden die häufiger auftretenden Schwellungen durch das Singen mit hoher Kehlkopfposition und das weit geöffnete Passaggio hervorgerufen. Sehr oft schließen die Stimmbänder nicht richtig, wenn der Kehlkopf zu hoch steht. Deshalb ruft das beim Singen dauernde Reizungen hervor und führt häufig zu Schwellungen und Stimmbandknoten.

Diese Sängerin kam noch im gleichen Monat zu mir, um bei mir Unterricht zu nehmen. Was mit ein paar Stunden begonnen hatte führte schließlich zu einem sechswöchigen intensiven Studium, und ihre Stimme erholte sich. Innerhalb von sieben Monaten hatte sie ihre Technik im oberen Passaggio sowie die Atmung und das Zurückhalten des Atemdrucks vollständig umgestellt. Seit sie nach New York pendelte, um Gesangstunden zu nehmen, bekam sie langsam das richtige Gefühl für gesundes Singen anstatt auf ihren eigenen Stimmklang zu hören (das setzt die Kehle unter Druck, da ein Sänger normalerweise den Ton in die Breite zieht, um im Inneren mehr Klang zu erhalten). Diese Sängerin kann jetzt das erste Mal seit Beginn ihrer Karriere das Singen genießen. Sie hat den Atemdruck unter dem Kehlkopf verringert, singt mit tieferem Kehlkopf, hat gelernt, den Atemstrom mit dem Körper zu regulieren und hat die Art der Vokalbildung komplett umgestellt von der Vokalbildung im Mund zur Vokalbildung in der Kehle. Ihre Kritiken sind besser als je zuvor, und sie bekommt mehr und mehr Konzertangebote mit großem Sinfonieorchester.

Warum sind die Gefahren und Fallen der Spezialisierung auf den Barockstil so wenig bekannt? Weil viele nach wie vor das Singen mit hochstehendem Kehlkopf als authentischen Barockstil unterrichten. Der Missbrauch und die Zertörung der Stimme geht weiter, weil viele ihr eigenes Unterrichten nie in Frage stellen oder einfach nicht richtig zuhören. Häufig fehlt ihnen das Verständnis für die richtige Ausbildung des Passaggio, die die stimmliche Langlebigkeit ermöglicht. Wie ich schon zuvor erwähnte: Niemand weiß wirklich, wie der authentische Barockgesang geklungen hat. So ist mein Rat an alle, egal welchen Musikstils, sich einen guten Lehrer zu suchen, der weiß, wie man die richtige Registrierung lehrt, den Registerausgleich und die Körperunterstützung. Langlebigkeit hängt ab von der Gesundheit der Stimme durch die richtige Gesangstechnik.

Ich komme nun zurück zu dem Lehrer, den ich an der Universität hatte. Obwohl er kein guter Lehrer war, sang er selbst recht gesund. Er sang nicht mit einem hochgestellten Kehlkopf. Die Leichtigkeit des Klanges war in seiner Stimme natürlich vorhanden, während der Kehlkopf losgelassen wurde. Sein größter Fehler als Lehrer war, dass er nicht hörte, wenn ein Schüler die Stimme durch das Hochziehen des Kehlkopfes aufhellte. Wenn die Botschaft, Sudierenden das Singen mit hochstehendem Kehlkopf nicht zu erlauben, bei den Universitätslehrern und -dirigenten ankommt, dann war dieser Artikel den Aufwand und die Zeit wert. Stimmliche Gesundheit und das Singen mit hochstehendem Kehlkopf sind nicht miteinander vereinbar. Anmerkung: Wenn die Zunge die Ng-Position einnimmt, kann der Sänger den Kehlkopf nicht herunterdrücken, was ebenso ungesund wäre(vgl. Artikel über schädigende Gesangstechnik).

Übungen zur Herstellung der Stimmgesundheit

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a o u o a
Diese Übung dient dem Ausgleich der Mittellage. Die Vokale sind so angeordnet, dass der Kehlkopf entlastet wird, wenn man nach oben singt

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za e i u i e a
Auch hier sind die Vokale so angeordnet, dass der Kehlkopf entlastet und die Registrierung in höherer Lage ausgeglichen wird.

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da me ni po tu la be
Singe diese Übung indem Du die jeweiligen Konsonanten nur mit der Zunge anstößt unabhängig vom Unterkiefer.

Singe diese drei Übungen langsam und sorgfältig mit einem leicht nach unten-hinten hängenden Unterkiefer, an den hinteren Backenzähnen eingefallenen Wangen und einer unter den Augen leicht angehobenen Wangenmuskulatur. Manche nennen das »Das innere Lächeln unter den Augen«.
Fragen richten Sie bitte an Christian Halseband, email hidden; JavaScript is required (auf deutsch oder englisch) oder an David L. Jones, email hidden; JavaScript is required (auf englisch).

Alle Rechte am Text vorbehalten David L. Jones © 2000 http://www.voiceteacher.com/

Autorisierte Ubersetzung von Christian Halseband © 2003 https://www.gesanglehrer.de/