Dramatisch singen ohne Druck

Dramatisch singen ohne Druck

von David L. Jones

In Oper und Konzert habe ich zwei Extreme des Singens beobachtet. Auf der einen Seite Sänger, die voller Spannung und Leidenschaft für die Musik bei der Sache waren und zweitens Sänger, die mit großer technischer Perfektion sangen. Es ist ein seltenes aber wunderbares Erlebnis wenn beides zusammenkommt: Leidenschaft und gute Gesangstechnik. Das nimmt das Publikum dann augenblicklich wahr. Selbst wenn es auf einer unbewussten Ebene ist.

Warum gibt es beim Singen diese Extreme? Das liegt nicht daran, dass es zu wenige talentierte Sänger gibt. Ständig wird uns vor Augen geführt, dass die Gesangswelt sehr leistungs- und wettbewerbsorientiert ist. Es scheint, dass mehr und mehr Leute singen möchten, von denen viele eine professionelle Gesangskarriere anstreben. Aber nur wenige schaffen es, emotional berührend und technisch gut zu singen. Ich glaube, dass ein Konzert ein unvergessliches musikalisches Erlebnis ist, wenn beides, Emotion (Fähigkeit zur Kommunikation mit dem Publikum) und Technik (physisch gute Ausführung des Singens) zusammenkommen.

1 Das fehlende Glied

Häufig wurde ich gefragt: »Wodurch wird ein Konzert spannend?« Wir wissen, dass ein Sänger eine emotionale Beziehung zu dem Text haben und es schaffen muss, dem Publikum die Bedeutung des Textes klar zu machen. Heute nehmen viele Sänger Schauspielunterricht, um ihre Fähigkeiten auszubilden, den Text in einer realistischen und glaubhaften Art und Weise zu vermitteln. Diesen Teil der Ausbildung überlasse ich dem Schauspiellehrer. Nachdem ich positive Ergebnisse bei einigen Sängern gesehen habe, empfehle ich Schauspielunterricht als Teil der professionellen Entwicklung in Anspruch zu nehmen.

2 Der gesangstechnische Faktor

Erlauben Sie mir, über meine Erfahrungen zu sprechen, die ich gemacht habe, wenn ich Sängern geholfen habe ihre Fähigkeit zur Kommunikation »freizulassen«. Die Hauptfrage ist, wie ein Sänger den Text dramatisch ausdeuten kann, ohne die Stimmbänder zu überlasten; das geschieht sehr häufig. Es dauerte einige Jahre bis ich das Unterstützungssystem dieser Gesangstechnik koordinieren konnte und alle Details verstanden hatte. Ich erinnere mich, vor einigen Jahren einen Bariton unterrichtet zu haben, der auf der Bühne ein wunderbarer Schauspieler war: gutaussehend, engagiert und professionell. Trotzdem war seine Stimme nach einem Auftritt in Oper oder Konzert müde. Im Unterricht jedoch konnte er sehr gut singen, ohne seine Stimme zu überlasten. Irgendetwas geschah mit ihm, wenn er vor Publikum auftrat: er drückte auf seine Stimme.

Was ist dieses Drücken auf die Stimme? Wir hören diesen Begriff oft, bekommen aber selten eine Erklärung dafür. Das Drücken auf die Stimme bedeutet, dass der Sänger zu viel Atemluft durch den Kehlkopf drückt. Durch das »Überblasen« der Stimmbänder ermüdet die Stimme. Wie schon Caruso sagte: »Wir brauchen nur sehr wenig Luft zum Singen.« Damit hatte er recht (vgl. Artikel über Atmung und Atemführung). Insbesondere Männer haben häufig einen sehr starken Oberkörper und nutzen diese Kraft zu sehr, was die Luft zu stark komprimiert. Dann drückt man auf die Stimmbänder. Normalerweise senkt sich dabei auch der weiche Gaumen und es entsteht ein Klang, den man als »Bellen« bezeichnen kann.

3 Lösung

Nachdem ich diesen Bariton einige Zeit beobachtet hatte, erkannte ich, dass er die Dramatik dadurch erreichte, dass er bei den Konsonanten zu viel Luft herausdrückte. Er blies also die Stimmbänder heraus, um den Text dramatisch zu gestalten. Das war insbesondere in Rezitativen zu bemerken. Kirsten Flagstad sagte, dass sie von ihren Rückenmuskeln zum »Klingeln« in der Stimme singe. Es fühle sich an als habe sie keine Kehle. Wenn man dramatisch singen möchte, müssen sich die unteren Rückenmuskeln bei den Konsonanten wie beim Lachreflex nach außen dehnen. Das ist insbesondere im Rezitativ oder bei akzentuierten Tönen wichtig. Die Rückenmuskeln halten die Atemluft zurück und ermöglichen, den dramatischen Ausdruck zu erreichen, ohne dabei auf die Stimme zu drücken oder die Stimmbänder zu überblasen. Das habe ich bei der Analyse verschiedener Sänger beobachtet. Ich habe herausgefunden, dass die dramatisch talentiertesten Sänger häufig auf die Stimme drücken. Das entsteht durch die Auftrittsenergie und die Persönlichkeit des jeweiligen Sängers. Ihr dramatischer Reflex ist nicht mit der Rückenmuskulatur verbunden. Nutzt ein Sänger die Rückenmuskeln während eines Auftrittes in der richtigen Art und Weise, kann er fühlen, wie die Muskeln bei den Konsonanten oder Akzenten der Phrase nach außen pulsieren. Wir denken daran, dass die Rückenmuskulatur dem Atemdruck während des Legatosingens einen flexiblen aber konstanten Widerstand bietet. Dabei gibt es diese pulsierende Bewegung nicht.

Die Stimmbänder können nur einem bestimmten Atemdruck widerstehen, bevor sie ermüden. Die Langlebigkeit der Stimme hängt vom richtigen und intelligenten Gebrauch der Stimme ab. Um das zu erreichen, ist die richtige Körperanbindung notwendig. Ein Sänger muss die natürlichen Reflexe des Körpers in dramatischen und in legato gesungenen Passagen erlernen. Die Dramatik darf die Gesangstechnik nicht behindern. Beide müssen zusammenarbeiten, um einen professionellen Auftritt zu ermöglichen.
Fragen richten Sie bitte an Christian Halseband, email hidden; JavaScript is required (auf deutsch oder englisch) oder an David L. Jones, email hidden; JavaScript is required (auf englisch).

Alle Rechte am Text vorbehalten David L. Jones © 2000 http://www.voiceteacher.com/

Autorisierte Ubersetzung von Christian Halseband © 2003 https://www.gesanglehrer.de/