Das Passaggio

Das Passaggio

von David L. Jones

Alan LindquestIn Amerika und Europa scheint es eine »natürlicher Klang«- oder »natürliche Stimmgebung«-Bewegung zu geben. Für jemanden, der das Wort Passaggio noch nie gehört hat, mag es nach einer sinnvollen Terminologie klingen. Erlauben Sie mir trotzdem zu erklären, was Passaggio ist und warum dieser besondere Aspekt für Sänger wichtig ist, um stimmliche Freiheit zu erlangen. »Passaggio« ist das Wort der italienischen Schule für »Übergang«. Es handelt sich dabei um ein akustisches Phänomen, das ungefähr zwischen B und Fis im Bereich der Kopfstimme in Erscheinung tritt. Deshalb beschreibt Alan Lindquest den ganzen Bereich der Kopfstimme mit diesem Begriff. Wenn die Kehle geöffnet und frei ist, findet mit jedem Halbtonschritt eine kleine akustische Veränderung statt. Einige nennen das »Vokalveränderung«. Die Stimmwissenschaft hat bewiesen, dass wir bei den Tönen, die sich oberhalb des Notensystems befinden oder sogar im Bereich des Passaggio keine reinen Vokale singen können, ohne dabei die Kehle zu verengen. Ich habe oft beobachtet, dass insbesondere dann Probleme auftreten, wenn ein Sänger Repertoire (Stücke) übt. Möglicherweise wird von ihm verlangt auch im Bereich des Passaggio und oberhalb des Notensystems reine Vokale zu artikulieren. Das Ergebnis ist eine verengte Kehle und eine kehlige Klangqualität. Im hohen Register wird die Klarheit der Diktion durch Freiheit in der Kehle erreicht. Damit die Kehle in aufsteigenden Passagen geöffnet bleiben kann, muss man die Vokalveränderung zulassen.

Wenn ein Sänger in die Region der Kopfstimme gelangt, muss der Kehlkopf eine kippende oder drehende Bewegung vollführen. William Vennard hat dieses in seinem Buch »Singing, The Mechanism and the Technic« aufgezeichnet. Wenn der Kehlkopf sich dreht und kippt verändern sich die akustischen Eigenschaften des Klanges. Das wiederum hat die Vokalveränderung und damit das »Lösen« des Passaggio zur Folge. Es liegt auf der Hand, dass diese beiden Aspekte ein und dasselbe sind. Es gibt jedoch Sänger und Gesangslehrer, die noch immer fordern, bis zum höchsten Ton mit »guter Diktion« zu artikulieren. Die eigentliche Wahrheit in diesem Punkt ist, dass eine passend gesungene Passaggio-Lage die Kehle öffnet. Dabei verändern sich die Vokale. Die Diktion wird dann verständlicher sein als wenn der Sänger versuchte in seiner hohen Lage reine Vokale zu artikulieren. Wir sprechen nicht so, wie wir singen. Authentische Resonanz entsteht durch einen offenen Kehlraum oder verlängerten Vokaltrakt. Wenn jemand sich nicht um Passaggio oder Vokalveränderung sorgt, kann sich der Klang nicht frei entfalten und die Kehle ist gezwungen, sich zu verschließen.

Manuel Garcia sagt, dass man einen Platz für die Vokale braucht. Damit meint er einen geöffneten Kehlraum für alle Vokale. Je weniger der Sänger die Vokalveränderung mit drastischen Muskeleinstellungen vornimmt, desto besser die Klangqualität. Die mentale Vorbereitung der Vokalveränderung allein wird diese ermöglichen. Eine der Hauptursachen für ein festes, verspanntes Singen ist ein Über-Artikulieren des Textes unter Verwendung von Mund anstatt von Kehl-Vokalen oder auch mit geöffneter Kehle artikulierten Vokalen. Exzellente Diktion ist abhängig vom akustischen Ergebnis der richtigen Vokalveränderung, nicht von einer Aktivität der Kehlmuskulatur. Wenn wir uns als Blasinstrumente betrachten, dann müssen wir uns die Frage stellen: »Verändert sich der Schalltrichter des Horns für jeden Ton oder jede Färbung oder jeden Registerwechsel?«. Hier wird mir jeder zustimmen, dass die Antwort »Nein!« lauten muss.

Alan Lindquest studierte bei Inge Börg-Iséne und Joseph Hislop, beide Schüler von Kirsten Flagstads geliebtem Lehrer Dr. Gillis Bratt. Dr. Bratt war morgens ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, nachmittags ein Gesangslehrer und abends ein Bariton am Stockholmer Opernhaus. Es war Dr. Bratt, der die Ideen von Manuel Gracia nach Schweden brachte. Dr. Bratt arbeitete mit Flagstad am Stimmbandschluss, einem Begriff, der viele Auseinandersetzungen unter Gesangslehrern hervorgerufen hat. Lindquest warnte inständig vor der Übertreibung des Stimmbandschlusses. Um das Kippen des Kehlkopfes und die Vokalveränderung zu koordinieren, ist ein guter Stimmbandschluss jedoch unabdingbar. Das Zusammenwirken dieser einzelnen Aspekte ist für die Ausbildung des Passaggio wichtig.

Das Üben der Passaggio-Lage ist notwendig, um ein Singen mit freier Kehle zu ermöglichen. Die meisten Sänger kommen mit wenigen Kenntnissen über das Passaggio zu mir. Später finden sie den größten Resonanz-Faktor im Passaggio. Viele Sänger haben Schwierigkeiten längere Zeit in der Passaggio-Lage zu singen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Rolle des Cherubino in Mozarts »Le Nozze di Figaro«.

Wenn ein Sänger es schafft den Kiefer zu lösen und das »ng« mit einem geöffneten Kehlraum am harten Gaumen (Zungengrund weit) zu bilden, kann er diese schwierige Lage bewältigen. Es ist wichtig zu wissen, dass Garcias Begriff vom »Ein-Vokal« nichts anderes als einen geöffneten Kehlraum oder auch die hinter dem Zungenrücken gebildeten weit geöffneten Vokalklänge beschreibt. Das darf nicht mit einem durch den Zungengrund heruntergedrückten Kehlkopf verwechselt werden. Das ist schädlich für gutes Singen. Ohne geöffnete Kehle wird ein Sänger nach kurzer Zeit stimmlich ermüden. Der geöffnete Kehlraum ist der »Stoßdämpfer« für die Stimmbänder.

Ein weiterer Aspekt in der Ausbildung des Passaggio ist das Zurückhalten des Atemdrucks mit Brustbein (Sternum), Zwischenrippenmuskeln (Intercostalmuskulatur) und unterer Rückenmuskulatur (Lumbarmuskulatur), während ein kleiner, gleichmäßiger Atemstrom durch den Kehlkopf strömt, um die Resonanz zu ermöglichen. Drückt ein Sänger zu viel Atem nach oben, wird der Kehlkopf allmählich hochsteigen und den primären Resonanzraum (der Kehlraum; Pharynx) verengen. Unglücklicherweise gibt es sehr viele professionelle Sänger, die mit verschlossener Kehle singen. Die Hauptursache dafür liegt in der Unkenntnis über die Ausbildung des Passaggio begründet

Alan Lindquest hat seine Vorstellungen der Ausbildung der »alten Schule« nie geändert. So hat er Ideen vermittelt, die sich lange Jahre als wirksam erwiesen hatten. Das wichtigste Ergebnis einer richtigen Ausbildung des Passaggio ist die Vergrößerung der Stimme und stimmliche Freiheit.

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Autorisierte Ubersetzung von Christian Halseband © 2003 https://www.gesanglehrer.de/